Vom Handwerksbetrieb zum Kulturbetrieb,

die Geschichte der "Alten Stellmacherei" in Gadenstedt

Alte Stellmacherei: Kunst, Musik und Literatur an loderndem Kaminfeuer

Die Zeiten, als riesige Ackerwagen über den Hof polterten, Sägespäne durch die Luft der Werkstatt wirbelten und der Geruch von Holzarbeiten in die Nase stieg, sind am Kattenhagen 1 in Gadenstedt längst vorbei: In der "Alten Stellmacherei" des einstigen Meisters Hermann Thies junior prägen heute Kunst, Musik und Literatur das Geschehen. Angefangen bei Jazz und Blues über Rock und Pop reicht das Musik-Programm hier mit Künstlern aus ganz Deutschland bis zum Klassikkonzert. Hinzu kommen Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und Kurse, die den Besuchern eine abwechslungsreich und modern gestaltete Kulturpalette bieten.


Das alte Flair ist geblieben

Das alte Flair aber, es ist geblieben, denn mit der Hobelbank fanden in Jutta Reutings heutiger "Kult(ur)stätte" auch die ehemaligen Werkzeuge des Vaters und eine Bandsäge ihren Platz und alte Fotos sowie Meisterbriefe erinnern an seine Berufslaufbahn. Den damaligen Sägespanofen ersetzte Reuting durch einen Kaminofen, der für behagliche Wärme während der Veranstaltungen und durch leises Knistern im Hintergrund für eine gemütliche heimische Atmosphäre sorgt. Gedämpftes Kerzenlicht, ein Glas Rotwein und deftige Schmalzbrote machen einen Abend schließlich perfekt.


Aufgabengebiet der Stellmacher

Der Beruf ist aus dem Handwerk der Rademacher und dem der Wagner entstanden. So hatten sich die Rademacher bis zum frühen 19. Jahrhundert auf die Herstellung von Wagenrädern spezialisiert, während die sogenannten Wagner die entsprechenden Wagengestelle fertigten. Im Laufe der Jahre verzahnten sich beide Funktionen so sehr, dass sich daraus die Stellmachereien entwickelten. Ihr Vater stellte den Betrieb, den er von seinem Vater übernommen hatte, mit Abschaffung der Holzackerwagen und überdimensionaler Räder zu Beginn der sechziger Jahre auf die Tischlerei um. Nicht weniger groß waren Freude und Präzision bei den dann anfallenden Holzarbeiten. Richtig begeistert war der Stellmachermeister aber, wenn doch noch einmal ein altes Holzrad gefertigt oder repariert werden musste.

Ein Traum ging in Erfüllung

Mit der Eröffnung ihres kleinen Kulturbetriebs, der rund 60 Besuchern Platz bietet, hat sich Jutta Reuting 1998 einen kleinen Traum erfüllt: Mit großer Begeisterung hatte die Angestellte einer Arztpraxis bis dahin stets Konzerte verschiedener Musikstilrichtungen besucht, die Kunst- und Literaturszene verfolgt. Der Wunsch nach einem eigenen Veranstaltungsort für verschiedene Künstler nahm mehr und mehr konkrete Form an. Das Gebäude hatte nach dem Tod ihres Vaters drei Jahre lang verwaist auf dem Grundstück gestanden, bevor mit Hilfe einer Architektin schließlich geschmackvolle Baulösungen für den späteren "Kunst- und Konzertraum" entwickelt wurden.


Kunst vor der eigenen Haustür

Jetzt ermöglichen Holzsprossenfenster den Ausblick aus dem roten Backsteingemäuer und das freigelegte Fachwerk vermittelt in Kombination mit dem Steinfußboden und dem lodernden Feuer im Kaminofen ein Gefühl von "Zuhause" in fremder Umgebung. Für Reuting selbst ist es das Zuhause, denn nur wenige Schritte trennen ihre eigenen vier Wände von der Alten Stellmacherei. Ein umfassendes Aufgabengebiet gibt es inzwischen zu bewältigen, doch den Spaß an dem kulturellen Kleinbetrieb hat Jutta Reuting nie verloren. Noch heute macht sich vor jeder Veranstaltung ein leises Kribbeln breit, wenn die ersten Gäste die Plätze besetzen und erwartungsvoll in die Runde blicken. Schließlich ist es ihr größter Wunsch, dass die Besucher eine schöne Ausstellung oder einen besonderen Konzertabend erleben und sich in dieser Umgebung wohl fühlen.


Die oftmals ausverkauften Veranstaltungen zeigen: Künstler (inzwischen kommen Anfragen aus ganz Deutschland!) und Besucher fühlen sich gleichermaßen wohl in der "Alten Stellmacherei".

Mit freundlicher Genehmigung von Melanie Hoffmann, Peiner Wirtschaftsspiegel, März 2004